
September 2023
Über die Voyager 900e
Seit ich 2019 das erste Mal eine Voyager 860 auf der Havel gesehen hatte, bin ich fasziniert von dem schlichten aber überaus praktischen Design dieses kompakten Bootes. Natürlich informierte ich mich auf der Homepage über die Voyager und Woterfitz. Dabei fiel auch der Blick auf den Bericht zur Entwicklung eines Solarbootes, das mich geradezu elektrisierte. In 2021 hatten wir die Gelegenheit das erste Serienmodell der Voyager 900e im Rohbau auf der Werft zu besichtigen. Nun konnten wir den neuen Bootstyp dann endlich ausprobieren.
Als wir zum Bolterkanal kamen sahen wir sie schon am Steg liegen. Deutlich größer und moderner wirkte sie neben den nur 40 cm kürzeren Voyager 860. Das Solardach über dem Außendeck ist nicht nur ein Träger für vier der insgesamt 6 Solarmodule, sondern erwies sich bei dem traumhaften Spätsommerwetter auch als angenehmer Sonnenschutz. Der Niedergang vom Achterdeck zur Kajüte ist in der Art einer Raumspartreppe mit unterschiedlich tiefen Stufen ausgebildet und lässt sich hervorragend begehen. Hell, freundlich und luftig wirkt die Kajüte mit den großen Fensterflächen.
Getönte Scheiben und Vorhänge sorgen dabei für Privatsphäre. Helle Holztöne kombiniert mit blauen Polstern und Gardinen vermitteln maritimes Feeling. Darüber spannt sich der mit weiß glänzendem Material verkleidete Dachhimmel, der eine üppige Stehhöhe von fast 2m bietet. Die Möblierung ist praktisch mit dem verstellbaren Tisch, der Küchenzeile mit Induktionsherd, Spüle, Kühlschrank. Im Bug befindet sich eine große Liegefläche, von der ein Teil in Kombination mit einer pfiffigen Rücklehne auch als Sitzbank dient. Wenn man diese Fläche sieht, wird man zum Kind und möchte sofort in die gemütliche Höhle mit den freundlichen Bullaugen kriechen. Die Bullaugen mit den integrierten Mückennetzen sind übrigens sehr effektiv für die Belüftung des Bootes. Mit dem Blick zurück sieht man rechts den Durchgang zur Heckkabine mit einem fürstlichen Bett und einer ordentlichen Sitzhöhe. Auch hier sorgen vier Bullaugen für effektive Querlüftung.
Der Vorraum, hieß bei uns nur Ankleidezimmer, auf kleinster Fläche bietet er Raum für einen erstaunlich geräumigen Wäscheschrank unter dem Gangbord und eine Garderobe für ein paar hängende Kleidungsstücke. Platz und Licht zum ankleiden gab es allemal. Links vom Aufgang befindet sich die Nasszelle mit Waschbecken und Mischbatterie sowie eine Marinetoilette. Alles funktioniert, ist praktisch angelegt, aber ein paar Zentimeter mehr Bewegungsfreiheit wäre toll gewesen. Überaus großzügig und praktisch: überall findet man Ablagen, Borde, Staukisten, wo man alles sicher unterbringen kann, was sonst rumliegen würde oder herunterfallen könnte. Da merkt man, dass das Boot nicht ausschließlich am Reißbrett (respektive am CAD-Arbeitsplatz) entstanden ist, sondern langjährige praktische Erfahrung und Liebe zum Detail eingeflossen ist.

Los geht’s...
Bei herrlichstem Spätsommerwetter übernahmen wir Montag nachmittags unsere Voyager 900e „SolarLa“. Eine Einweisungsrunde raus auf die Müritz, dann ging es selbständig los. Zum ersten Mal über das „kleine Meer“ Richtung Süd-West zunächst an der Fahrrinnenbetonnung entlang, dann auf den Kirchturm Zielow zu. Von dort ging es weiter in die Kleine Müritz und dann in den Müritzarm: die Marina Buchholz war das Ziel. Bei der telefonischen Anmeldung wurde uns ein Liegeplatz zugewiesen, „den Rest machen wir morgen“ war die Ansage. Auf der Terrasse der „Seerose“ mit schönem Seeblick haben wir sehr gut gegessen.
Am nächsten Tag wartete eine größere Etappe auf uns: Wir wollten bis nach Kleinzerlang am Kleinen Pälitzsee: über 30 km und drei Schleusen. Aber nur kein Stress. Das Boot ist Energie-Selbstversorger, hat zwei Anker an Bord, eine Küche mit Kühlschrank und Induktionsherd. Also erst einmal die Badeplattform mit Badeleiter ausprobieren: Was für ein Vergnügen. Bei jedem Schritt, bei jedem Griff spürt man die jahrzehntelange Erfahrung aus Bootsbau und -vermietung. Der Boden ist griffig und sicher, so wohl trocken wie auch nass. Haltegriffe oder Stangen sind dort wo man sie braucht. Nicht eine Sekunde haben wir eine Reling am Gangbord vermisst. Sie hätte sowieso nur die Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
Nun aber rein in die Müritz-Havel-Wasserstraße. Nach 9 km taucht Schleuse Mirow auf. Sie ist zwar die größte Schleuse in der Gegend, aber ist auch entsprechend frequentiert. Also eine Runde warten. „Ganz nach vorne bis zur gelben Markierung“ kommt die Anweisung von der Schleusenwärterin, die von hoch oben den Überblick hat. Ungewohnt leicht und direkt lässt die Voyager sich dirigieren. Der in beide Richtungen 90° drehbare POD-Antrieb ist ein Vergnügen und verleiht der Voyager eine ungeahnte Wendigkeit, so dass man das Bugstrahlruder kaum braucht, trotzdem ist es beruhigend, dass es da ist. Die Klampen sind da, wo man sie braucht. Zweimann-Betrieb ist gar kein Problem.

Nach der Schleusung, „eine Etage tiefer“ drehen wir eine Runde um die Stadtinsel Mirow, aber für eine Stadtbesichtigung ist heute leider keine Zeit. An der nächsten Schleuse Diemitz wird uns klar, dass wir die letzte Schleusung in Canow trotzdem nicht mehr schaffen werden. Ein Hofladen lädt ein, Proviant für das Abendessen zu besorgen. Die Ruderwache bewerkstelligt das Aufrücken an der Wartestelle alleine. Das Boot wiegt ja nur 2,5 t. Zusammen mit einer großen Gruppe jugendlicher Kanuten fahren wir in den Labussee.
Die von einer anstrengenden Tagestour schon ziemlich müden und etwas angespannt wirkenden Jugendlichen entspannen sich spürbar, als sie die Geräuschkulisse unseres Bootes bemerken (leises Plätschern) und nicht auch noch kurz vor Erreichen ihres Nachtlagers von hohen Heckwellen verschaukelt werden. Der Rumpfdesigner der Voyager 900e hat hier ganze Arbeit geleistet. Von dem Boot geht eine Gelassenheit und Friedfertigkeit aus, die sich auf die Crew und die anderen Wasserstraßennutzer überträgt.
Das perfekte Boot für dieses wunderbare Revier!
Der Labussee lädt geradezu zum Ankern ein. Relativ flache Ufer im Süd-Osten mit traumhaftem Ausblick auf den Sonnenuntergang. Einfach unbezahlbar.

Am nächsten Morgen, statt unter die Dusche, geht es direkt in den See. Frühstücken an Deck, Anker lichten und lautlos davon gleiten zur ersten Schleusung in Canow - na ja, nicht ganz die erste, wir haben ja schließlich Urlaub.
Heute soll es in die Rheinsberger Gewässer gehen. Zu Mittag wollen wir beim Fischer Gehrt in Flecken Zechlin sein. Der nur 1 m tiefe Repenter Kanal ist für die Voyager kein Problem, sie hat 60 cm Tiefgang. Andere Boote „pflügen“ da schon deutlich sichtbar durch den Modder am Grund des Kanals. Das ist weder für das jeweilige Boot noch für den Kanal und dessen tierische Bewohner zuträglich. Pünktlich zu Mittag legen wir "direkt am Tisch“ an. Ein alkoholfreies Lübzer zum Fischteller ist etwas herrliches und für den Abend wird noch Räucherfisch gebunkert. Wer weiß, wo man festmacht oder den Anker wirft. Es wurde ein Ankerplatz in einer Bucht hinter der Remusinsel im Rheinsberger See, wieder mit Sonnenuntergang gratis. Zuvor aber stand noch ein Höhepunkt an: das Rheinsberger Schloss von der Seeseite zu genießen war ein seit 20 Jahren gehegter Wunsch.

Am nächsten Morgen haben wir die Ver- und Entsorgungsstation im Hafen ausprobiert. Es funktionierte alles einfach und praktisch. Beim Rangieren im engen Hafenbecken konnte die Voyager ihre enorme Wendigkeit ausspielen. Das reduzierte die Pulsfrequenz angesichts der auf die Abfahrt des Ausflugsschiffes wartenden Passagiere, die neugierig das Manöver verfolgten.
Die Rückfahrt zum Heimathafen unserer Voyager im Bolterkanal traten wir nun zu zweit an. Gemütlich schipperten wir Richtung Wesenberg und Priepert. Beim Fischer an der historischen überdachten Brücke in Ahrensberg haben wir natürlich Halt gemacht um uns zu proviantieren.
Am nächsten Tag sollte dann der letzte Schlag bis zum Bolterkanal getan werden. Der etwas aufgefrischte Wind legte sich nachmittags wie angekündigt wieder, so dass die Überfahrt über die Müritz kein Problem werden sollte. Mit 100% Ladung in der Batterie (ohne Landstrom!) kamen wir am abendlich friedlichen Bolterkanal an. Beim Anlegen waren uns andere Bootscharterer behilflich. Wir revanchierten uns mit einer kleinen Bootsbesichtigung. Auf der Terrasse der Pizzeria des benachbarten Feriendorfs und anschließend bei einem netten Gespräch an Deck ließen wir die herrliche Tour ausklingen.
Dem Team von Woterfitz Gratulation zu dem tollen Bootstyp und vielen Dank für den netten Empfang und den unkomplizierten Service.
Familie Schoepe, Bonn



