Berlin - Ende September

102km in 2,5 Tagen - ohne Nachladen

Oder: Wie oft man eine Entscheidung doch wieder umwerfen kann...

Bernd Rudolf, September 2025

Nach der erfolgreichen Teilnahme an der Wildauer Solarboot-Regatta wartet die Voyager 900e „Sunsibar“ noch auf ihren Rücktransfer in die heimischen Gefilde. Die Törnplanung gestaltet sich jedoch etwas schwierig, denn wir sind bereits in der zweite Septemberhälfte angekommen. Die Tage sind schon merklich kürzer. Der aktuelle Sonnenstand entspricht dem von Ende März...

Donnerstag, 18.09.2025, 15 Uhr: der Plan steht

nach langem Hin- und Her entscheide ich: Jetzt oder nie! Törnvorbereitung: Jetzt! Abfahrt nach Berlin: Morgen früh 8 Uhr. 

Freitag, 19.09.2025, 13 Uhr Ankunft Berlin Wildau

Mangels Vorbereitungszeit beginnt die eigentliche Törnplanung - jetzt: 4 Stunden veranschlage ich für die ca. 32km von Wildau bis zur Oberbaumbrücke. Weitere 22km sind es von dort bis zu meinem Ziel, dem Altstadthafen Spandau.

Einschränkungen

Zwischen Oberbaumbrücke und Kanzleramtssteg ist von 10 bis 19 Uhr Binnenfunk verpflichtend. Aus gutem Grund, wie ich vor Jahren schon selber erfahren durfte: Die Spree verläuft in Schlangenlinien und hat z.T. sehr schmale, schlecht einsehbare Brückendurchfahrten mit Gegenverkehr. Die Fahrgastschiffe passen da gerade eben so durch und gehen davon aus, dass ihnen niemand entgegenkommt! Das kann sehr schnell unangenehm eng werden…
Eine Fahrt nach 19 Uhr scheidet aus: wir haben die dritte September-Woche und spätestens um 19.30 ist es stockfinster!

Da die Sunsibar aber nicht mit Funk ausgestattet ist und mein UBI-Schein noch immer nicht vollendet, muss ich also vor 10 Uhr die Innenstadt passieren. Das bedeutet weitere 7km bis zum Kanzleramtssteg - also 39km insgesamt. Dafür müsste ich durchgängig 10km/h fahren. Möglich - aber effizient ist das mit einem 9m langen Verdänger nicht gerade. Und bis zum Zielhafen sind es ja noch weitere 15km! Außer den 24h-Anlegern in der Innenstadt gibt es dort auch keine Infrastruktur mehr. Die Sonne wird zwar morgen mit mir sein, aber 50% der verfügbaren Akkukapazität einzusetzen, um 1 Stunde Zeit zu gewinnen, erscheint mir nicht sonderlich sinnvoll. Außerdem habe ich keine Crew dabei. Was immer - abgesehen vom Schleusen - noch auf mich zukommt: ich muss es alleine meistern!

Ich hadere und werfe erst einmal den Anker vor dem "Kleinen Rohrwall"…

Die Fahrt nach Berlin und das Bunkern der Lebensmittel hat länger gedauert als gedacht. Es ist schon 16:30 Uhr und bis zur Rummelsburger Bucht noch 24km. Mein Hafenführer zeigt mir zwischen Köpenick und Treptow… nichts!

Ich verwerfe meine Plan durch Berlin zu fahren. Dann muss ich das der zweiten Crew überlassen - auch wenn es dann zeitlich vielleicht eng wird.

Also Plan B: Abstecher in den Werlsee zum Baden und Chillen.

Ein wenig enttäuscht schaue ich auf die Karte - ein Stück zurück und dann durch den Seddinsee rüber zum Dämeritzsee. Dort kann man schön und geschützt ankern.

Die Einfahrt zum Seddinsee sieht irgendwie komisch aus. Hier passt nichts… ich zoome auf meinen elektronischen Karten… furchtbar… wer hat eigentlich festgelegt dass die Schrift beim Reinzoomen immer kleiner wird und in jeder Zoomstufe andere Ortsnamen ein- bzw. ausgeblendet werden?

Mist! Ich war ja gar nicht am „Kleinen Rohrwall“ sondern erst am „Zeuthener Wall“! Den Seddinsee hatte ich noch gar nicht erreicht - und jetzt fahre ich gerade durch den "Großen Zug" Richtung Krossinsee. Na herzlichen Glückwunsch. Navigieren in der Großstadt will halt gekonnt sein!

Egal! Ich finde schon ein Plätzchen zum Ankern.

Aber der Dämeritzsee wäre schon schön…

Moment! Hier ist doch alles mit allem verbunden! Nach dem Krossinsee kann ich wieder Richtung Westen in den Spree-Oder-Kanal abbiegen, der mich direkt zum Seddinsee führt.

Freitag 19.00 Uhr Dämeritzssee - ich gehe vor Anker. Akkustand 85%

Ein fantastischer Abend mit tollen Lichtspielen am Himmel und jetzt sternenklar. Aber der Innenstadt-Törn lässt mich irgendwie nicht los und ich fange wieder an zu rechnen…

Durch den Umweg in die Dämmerung hinein habe ich unnötig Kapazität geopfert und so richtig viel näher dran… das heißt… Moment einmal… doch!

Von hier aus bis zur Oberbaumbrücke sind es auch nur noch 24km! Bei energieeffizienten 8km/h und Start um 6 Uhr, kann ich es bis 9 Uhr schaffen! Dann habe ich vor 10 Uhr den Kanzleramtssteg passiert!

Sch… drauf! Ich fahre morgen durch Berlin!

Samstag, 20.09.2025, 6:00 Uhr - es geht los!

Die Nacht war ruhig und der Infrafotstrahler hat meine Achterkabine angenehm warmgehalten. Der Kaffee ist heiß: Trotzdem bin ich nicht wie geplant in die Gänge gekommen. Ich werde meinem Ruf als Morgenmuffel gerecht und starte mit 20 Minuten Verspätung - Akkustand 81%

Weit und breit niemand zu sehen - alles schläft noch an diesem herrlichen Samstag morgen. Ich passiere „Klein Venedig“. Am Kleinen Müggelsee herrscht allerdings schon reges Treiben: Ein ganzes Rudel E-Foiler gleitet lautlos über das Wasser - so wie ich.

7.04 Uhr: Sonnenaufgang. Ich fahre auf den Großen Müggelsee. Die ersten Sonnenstrahlen lassen die verpiegelten Fronten der Häuser auf der anderen Seite wie Feuerbälle glühen. Für Solarertrag ist es aber noch zu früh: ganze 5W gewinne ich grad vom Himmel. Akkustand jetzt 71%

8.00 Uhr: Berlin, mitten auf der Spree - die Frisur sitzt - aber der Kaffee drückt! Ich stelle fest: ohne Crew auf der Spree - so ganz zuende gedacht habe ich das wohl doch nicht! Eine kleine Bucht rettet mich und mangels Wind bleibt die Sunsibar auch ohne Anker auf Position. Das kann ich dank des Rundumblicks von meinem „Thron“ gut im Auge behalten ;)

8.50 Uhr: Akkustand 65% - gleich erreiche ich die Rummelsburger Bucht. Ich bin immer noch fast ganz alleine auf der Spree. Für meine 8km/h brauche nur etwa 1,5kW Motorleistung. 500W davon liefert mir mittlerweile schon die Sonne. Wir schreiben den 21. September. Mitsommer liegt also schon drei Monate zurück! Die Sonne steht also nur noch etwa genauso hoch wie am 21. März.

9.20 Uhr: Oberbaumbrücke - mir fehlen genau die 20 Minuten… egal: ich ziehe das jetzt durch! Aber Moment: das Schild sagt: ab 10.30 Uhr ist erst UKW-Pflicht. Die Anspannung steigt trotzdem.

Vor mir legt ein Fahrgastschiff ab, dreht in meine Fahrtrichtung zur Mühlendammschleuse. Ha! Das ist mein vorauseilendes Bollwerk! Jetzt heißt es „dran bleiben“!!

9.45 Uhr: Mühlendammschleuse - Akkustand 61%. Inzwischen steht die Sonne hoch genug: Die Sunsibar kann die gesamte Fahrleistung aus der Sonne gewinnen! Ich habe eine Leine an der Mittelklampe befestig, um einen Schleusenpoller geworfen und halte das andere Ende entspannt auf dem Fahrerstuhl sitzend. Leichte Drehbewegungen des Bootes gleiche ich mit einem kurzen Impuls des Bugstrahlruders aus. So entspannt kann Schleusen sein! Warum hatte ich da nochmal Bedenken??

10.05 Uhr: Mein Bollwerk - das Fahrgastschiff vor mir - wendet an der Museumsinsel. Ab jetzt muss ich mit Gegenverkehr rechnen! Ab hier sind aber die Brückendurchfahrten besser einzusehen und meist auch breiter. Nur die Moltkebrücke mit ihren beeindruckenden Skulpturen zwischen Haupbahnhof und Kanzleramt ist noch einmal ein Nadelöhr.

10.15 Uhr: Während ich lautlos am Reichstag vorbeigleite, spielt am Ufer jemand Oboe. Durch die Akustik zwischen den Gebäuden verstärkt sich die Musik merklich. Was für eine phantastische Kulisse!!! Die Diesel-Yacht hinter mir wird von der Musik ganz sicher nichts mitbekommen...

10.22 Uhr: Ich passiere den Kanzleramtssteg. GESCHAFFT!!!


Die Sunsibar erwartet mich in Wildau
Die Spuren der Solarboot-Ragatta ;)
Ankerplatz Dämeritzsee
Los geht's
Seddinsee - jetzt aber wirklich!
Sternenhimmel - Großer Wagen
Tag 1 - Wildau zum Dämeritzsee - ca. 25km
Dämeritzsee 6.20 Uhr - Frühstück "auf der Brücke"
7.04 Uhr - die Sonne steht noch zu niedrig
Die "Molecular Man" in Treptow
Die Oberbaumbrücke im Gegenlicht
Mühlendammschleuse
Reichstag voraus...
Häuser "glühen" im Sonnaufgang am Müggelsee
Einfahrt nach Köpenick
Oberbaumbrücke
Spiegelselfie
Berliner Dom
Ankunft 24h Gastlieger Tiergarten
...wohl für viel größere Boote gedacht
Lecker Pasta gekocht
Teller gefangen, Radler weg! Danke an die WSP!

11.00 Uhr: 24h Gastliegestelle Tiergarten - Akkustand immer noch 61% - ich kenne die Gegend gut. Schließlich habe von 2004 bis 2007 unweit von hier gewohnt. Ich beschließe die Mittagspause hier zu verbringen. Eigentlich bräuchte es jetzt noch ein paar Fotos von der Sunsibar auf der Spree, aber meine spontane Törn-Entscheidung hat für alle übrigen Planungen keinen Raum gelassen.
Irina aus Odessa, die an diesem herrlichen Samstag auf der Bank neben dem Anleger mit einem Kaffee chillt, erklärt sich aber spontan bereit, die Rolle der Fotografin zu übernehmen und mir die Bilder per Airdrop zu übermitteln. Läuft!

12.30 Uhr: untypisch für Berlin ist hier außer einer Eisdiele die Versorgungslage eher dünn. Dank Induktionskochfeld und 230V an Board ist das kein Problem: Es gibt Pasta! 

15.20 Uhr: Der Akkustand ist schon wieder auf 75% geklettert! Die 10 Minuten Pasta kochen fallen da gar nicht ins Gewicht. Es wird Zeit für die letzte Etappe! Kurz hatte ich überlegt, über Nacht hier zu bleiben, aber nachdem die Wasserschutz mit 1m Heckwelle vorbeigefahren ist, habe ich mich dagegen entschieden.

16.32 Uhr: Schleuse Charlottenburg - das Tor in eine andere Welt...

18.07 Uhr: Schleuse Spandau - GESPERRT!

Es hätte wohl nicht geschadet, ELWIS etwas ausführlicher zu befragen! Nun denn... hier ist ein weiterer 24h Anleger ganz in der Nähe. Dort angekommen muss ich feststellen: Hier fehlt es an allem! Die Leinen fallen mangels Haken an den Pollern runter bis ins Wasser. Klampen? Fehlanzeige! Es ist unöglich, die Sunsibar so festzumachen, dass sie nicht bei Wellengang unter den Steg gedrückt wird. Zwei ältere Damen beobachten interessiert meine erfolglosen Bemühungen und empfehlen mir die Marina Lanke in schätzungsweise 2km Entfernung. Also Leinen los und auf zum Wannsee.

19.38 Uhr: Eine Marina? Muss nicht sein! Ich suche mir einen Ankerplatz im Wannsee - Akkustand 64% - eigentlich hätte ich mit beeindruckenden 70% Akkustand in den Altstadthafen-Spandau einlaufen können. Seit meinem Start heute morgen mit 81%, habe ich seit heute Morgen 52km zurückgelegt und obendrein auch noch Mittagessen gekocht! Nur liegen durch die Schleusensperrung morgen noch ca. weitere 25km vor mir. Sei's drum! Selbst bei vollständiger Dunkelheit würde die Sunsibar mit 61% Akku noch 80km schaffen!

Sonntag, 21.09.2025 - Zurück nach Berlin

8.30 Uhr: Akkustand 59% - es war ruhig, aber kalt heute Nacht! Ab mittags ist Regen angesagt und ich habe noch 25km und zwei Schleusen vor mir: den ganzen weg zurück Richtung Berlin Zentrum, wieder durch die Schleuse Charlottenburg, durch die Schleuse Plötzensee und dann weiter durch den Berlin-Spandau-Schiffahrts-Kanal.

11.00 Uhr: Schleuse Plötzensee - die Sonne zeigt sich mehr als angekündigt. Mein früher Start am Morgen bleibt nicht „unbemerkt“ - mit 52% ist der Akkustand auf dem tiefsten Punkt des gesamten Törns

13.00 Uhr: - Ankunft Zitadelle Spandau - da der Regen bisher ausbleibt und der Weg das Ziel ist, genieße ich die Fahrt: bei guter Musik und sparsamen 6km/h erreiche ich Spandau mit 53% Akkustand - 1% mehr als zum Start heute morgen. Ich gehe vor Anker und koche Mittagessen.

16.00 Uhr: - Altstadthafen Spandau - Akkustand ist wieder bei 59% - Trotz zunehmender Bewölkung - es ist inzwischen eher düster grau draußen - ist das Fazit nach meiner Mittagspause: NULL! 

25km und Mittagessen und ich haben denselben Akkustand wie heute früh! Kurz zur Erinnerung: wir haben den 22. September!!

17.00 Uhr: - Es widerstrebt mir zwar, aber ich schließe den Landstrom an: Die Crew, an die ich morgen übergebe, will in 5 Tagen bis zur Müritz. Da ist es hilfreich, mit vollem Akku zu starten.
23.00 Uhr - Akku voll - Gute Nacht!

Es war ein fantastisches Erlebnis! Und ganz ehrlich: über den Akkustand habe ich mir nicht einmal ansatzweise soviele Gedanken gemacht, wie es hier scheint: Die Voyager 900e schafft mit einer Akkuladung locker 130km - bei völliger Dunkelheit!

Die nächste Crew übernimmt nun die Überführung zur Müritz

Danke an Renate und Robert dafür! Sie haben auf den 135km von Spandau bis zur Müritz (unnötigerweise ;) 25% nachgeladen, denn sie hatten es eilig und haben diese Strecke in der Rekordzeit von 3 Tagen zurückgelegt! 

Fazit:

Nach 6 Tagen und 237km Strecke im Sprint-Modus ist die Sunsibar zurück in ihrem Heimathafen am schönen Bolter Kanal an der Müritz. Trotz des niedrigen Sonnenstands in der zweiten Septemberhälfte war sie in Summe gerade mal eine Nacht am Landstrom! 

Im "Urlaubsmodus" würde man für diese Strecke 10 bis 14 Tage einplanen. "Nachtanken" an Landstrom ist dann nicht nötig... Nicht einmal im September!


Karten: OpenSeaMap

Tag 3 - 25km Umleitung
Tag 2 - Vom Dämeritzsee durch Belin zum Wannsee
21.09. 15.45 Uhr - die Sonne reicht noch für 6,3km/h
Schutthalden - Industrieanlagen - Ruinen
Ankern verboten!
Ankerplatz im Wannsee
Blick in den Westhafen
Schleuse Plötzensee
Ankunft im Alstadthafen Spandau
Schleuse Charlottenburg - Tor zu einer anderen Welt
Kurzer Stopp im Windschatten...
Mist!
Morgens zurück durch Spandau
My Home is my Castle!
Der Berlin-Spandau-Schiffahrtskanal ist ziemlich lang und weilig
 
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